Die Orchidee des Jahres 2020 in den Hammerwiesen

von Christian Wonitzki (Kommentare: 0)

Seit 1988 erfolgt jährlich die Wahl einer gefährdeten Art als „Orchidee des Jahres“. Die Wahl treffen die Vorstände des Arbeitskreises Heimische Orchideen (AHO) der Bundesländer in Deutschland.

Nach 1989 wurde das Breitblättrige Knabenkraut nun 2020 zum zweiten Mal zur „Orchidee des Jahres“ gewählt. Auf der Homepage des AHO Thüringen (aho-thueringen.de) kann man sich einen Flyer dazu herunterladen (Flyer_OdJ_2020).

Dactylorhiza majalis (RCHB.) P.F.HUNT & SUMMERH.: Der wissenschaftliche Name „Dactylorhiza“ bedeutet „Fingerwurz“ und rührt von den fingerförmig geteilten Wurzelknollen her, die als Speicherorgan den Winter überdauern (von griechisch dactylos „Finger“ und rhiza „Wurzel“). „Majalis“ weist auf „im Mai blühend“ hin (von lateinisch maialis „auf den Mai bezogen“).  Als deutsche Namen gelten Breitblättriges Knabenkraut, Breitblättriges Fingerkraut und Breitblättrige Kuckucksblume („Blütezeit, wenn der Kuckuck ruft“).

In historischen Plänen des Fürstlich Greizer Parks sucht man den Bereich der Hammerwiesen meist vergeblich. Auch im Arbeitsplan Carl Eduard Petzolds, der 1873 im Auftrag des regierenden Fürsten Heinrich XX. Reuß ä.L. die Neugestaltung des Greizer Schlossparks übernommen hatte, ist das Areal der Hammerwiesen nicht enthalten. Gleichwohl stellten sie, wie auch andere Teile der weiteren Parkumgebung für Petzold eine wichtige Komponente seines Parkkonzepts dar. Sie sollten unverändert naturbelassen bleiben und mit ihrer natürlichen Schönheit die reizvolle Einbettung des Parks in die umgebende Landschaft von Elsteraue und begleitenden Waldhängen sicherstellen.

Ihre landwirtschaftliche Nutzung als Mähwiesen lässt sich belegen, Abbildungen mit diversen Scheunenbauten bzw. Heuschobern und natürlich die heute noch vorhandene „Hammerscheune“ mit der barocken Dachhaube, die aus dem späten 18. Jhd. stammt und 1991 denkmalgerecht rekonstruiert wurde, unterstreichen das.

Bachläufe (z.B. der Krümme- bzw. Brandbach) und Entwässerungsgräben („Abzugsgräben“) durchziehen diese Wiesen und weisen damit auf deren Feuchtgebietscharakter hin.

Beginnend in den 1970er/1980er Jahren, durch stabile Nachweise des Breitblättrigen Knabenkrauts befördert, kümmerten sich Greizer Naturschützer um den Erhalt  des orchideenfreundlichen Wasserhaushaushalts und die naturschutzfachliche Pflege der Hammerwiesen.

Das heute überregional bedeutsame Vorkommen des Breitblättrigen Knabenkrauts in den Hammerwiesen des Greizer Parks ist also nicht, wie eine Thüringer Tageszeitung vor Jahren titelte, durch „Gestaltung“ entstanden, sondern hat sich als Element unserer Kulturlandschaft selbständig etabliert.

1986 wurden bereits 500 bis 1.000 blühende Majalis-Exemplare gezählt. Dies war Anlass für die Unterschutzstellung einer Teilfläche als Flächennaturdenkmal durch den damals zuständigen Rat des Kreises. 1990 wurde durch den Kreistag Greiz ein Erweiterungsbeschluss für die „Feuchtwiese mit einem ehemaligen flachen Vorstreckteich von etwa 0,5 ha“ auf dann 4,9 ha gefasst. Schutzgegenstand war ein „Standort artenreicher Feuchtwiesenflora (besonders Dactylorhiza majalis) sowie ein Lebensraum seltener und geschützter Vogel-, Lurch-, Kriechtier- und Insektenarten“. Zählungen in den Folgejahren bestätigten die gute Entwicklung des Bestandes durch das mit der Unterschutzstellung durchgesetzte Pflegeregime: 1992: 14.271 Exemplare, 1995: etwa 15.000 Exemplare, 2011: geschätzt über 30.000 Exemplare, 2019: 52.000 Exemplare.

Die höchstens 15 cm langen Blütenstände bestehen aus bis zu 50 Einzelblüten.  Farbvarianten von hellrosa bis dunkelpurpur, am häufigsten sind lilapurpurne Blütenstände vertreten, gehen auf Unterarten bzw. Hybride zurück. Typisch sind die purpurbräunlich gefleckten Blätter, wobei die Flecken auch fehlen können. Die Pflanzen können bis 50 cm hoch sein.   

Wie alle Orchideen benötigt die „Majalis“ Mykorrhiza-Pilze zum Keimen. Der Pilz ist mit dem Fingerwurzelsystem der Pflanze in Kontakt; ohne diese Symbiose könnten Orchideen nicht wachsen. Die Keimung der winzigen Samen (eine Kapsel enthält bis zu 6.000 Stück!) ist auch an den Pilz gebunden; die Samen können sich bis auf eine Distanz von 10 km verbreiten. Die Vermehrung der Majalis erfolgt somit entweder über die Samen oder das Wachstum einer zweiten Tochter-Wurzelknolle.

Zeitgleich mit der Apfelblüte blüht die Majalis, je nach Standort, ab Anfang Mai bis in den Juli, ihr Lebensraum sind stickstoffarme, sonnige, aber feuchte Mähwiesen und Gewässerufer. Beweidung, Düngung, Trockenlegung schaden den Majalis-Beständen, deshalb kommt diese Art heute fast nur noch auf Flächen vor, die nicht gewinnbringend landwirtschaftlich genutzt werden können. Das sind meist Schutzgebiete mit einer auf die Bedürfnisse der Orchidee abgestimmten Pflege, wie auch hier im Fürstlich Greizer Park.

Eine neue Bedrohung stellt der Klimawandel dar. Die Trockenheit, insbesondere  im Frühjahr, setzt den Standorten zu.

Dactylorhiza majalis gehört zu den besonders geschützten Pflanzenarten (nach § 10 Abs. 2 Nr. 10 BNatSchG) und rangiert in Thüringen mit dem Gefährdungsgrad 2 in der Roten Liste.

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